HELENA, ARA UND HEIMLICHE PARALLELWELTEN
Von Paris und der schönen Helena hören wir – und vom ewigen Kampf der Männer um Anerkennung, Stärke und Macht. Und immer, so scheint es, geht es letztlich immer um Sex.

Zeus näherte sich Leda in Gestalt eines Schwanes.
Nach dem Mythos legte Leda ein oder mehrere Eier, aus denen Helena und ihre Geschwister (wie Polydeukes oder die Dioskuren) schlüpften. Helena wuchs heran und galt als die schönste Frau der Welt. Ihre Entführung nach Troja durch Paris war der Auslöser für den Trojanischen Krieg.
Mögen diejenigen an ihrer Überzeugung festhalten, es ginge immer um Sex, denn nur so bleibt ihnen und uns die Phantasie erhalten und in bester Erinnerung an das was wir so lieben und beflügelt unser Dasein jetzt und auch morgen. Mein Tischnachbar der von seinen Freunden liebevoll Brumi genannt wird, ein Spitzname des Künstlers und Zerreisers von Bildern und Zusammenfügers von Papierfetzen in künstlerisch einzigartige wertvolle Collagen, Udo Ghini erzählt von den blutigen Kämpfen der griechischen Mythologie, von Helden, Königinnen und Göttinnen der Liebe und Schönheit, von Begierde, Eifersucht und Verrat. Wir hören gebannt zu und warten dabei auf das, worum es wirklich geht. Das Thema: Sex.
Früher meinten die Frauen: Liebe. Heute vielleicht auch noch, aber dennoch ist es schon anders. Und Frauen warten, wie einst mit einem Geliebten auf den nächsten Schritt, heute Abend in der Runde auf die nächste Beschreibung der nächsten Schritte, in Hoffnung auf eine erfolgreiche Befriedigung. Aber wir müßen weiter warten und langsam vergeht das lustvolle Gefühl der Steigerung und kommt ins Stocken. Geduld denken wir uns, das wird schon.. und dann unerwartet verliert Bärbel die Geduld und macht zu aller Erstaunen den ersten Schritt in Richtung nennen wir die Andeutungen und Sinnlichkeiten beim Wort, und zeigt gelassen dahin, wo dies normalerweise stattgefunden hat. Frauen locken vielleicht mit Sex und hoffen auf Liebe. Männer beteuern ihre Treue, schwören ewige Verbundenheit – und meinen manchmal doch nur die Befriedigung ihrer Lüste und Begierden. Aber vielleicht ist auch das nur eine allzu einfache Erklärung für etwas, das Menschen seit Jahrtausenden bewegt.
Die Griechen haben geschlachtet, gemordet, und Blut vergossen, wie einst von einem großen österreichischen Künstler laut und medienwirksam inszeniert. Die „Blutorgel“ war eine berühmte und schockierende Kunst-Aktion sowie ein gemeinsames Manifest der Wiener Aktionisten Hermann Nitsch, Otto Muehl und Adolf Frohner aus dem Jahr 1962

Wie sehr haben Frauen mit ihrer Schönheit, ihrer Sehnsucht und ihren Entscheidungen den Lauf der Geschichte beeinflusst? Die Geschichte von der schönen Helena erzählt von einer Entführung – oder war es eine Flucht? Vielleicht suchte Helena in Paris nicht bloß einen anderen Mann, sondern die Hoffnung auf ein freies selbstgestimmtes Leben. Die Hoffnung auf jemanden, der auch ihre Bedürfnisse wahrnimmt und sie glücklich machen könnte. Oder war es die Flucht vor einem König, den nicht sie gewählt hat, der vor allem erwartete, dass sie seine Bedürfnisse erfüllte.
Doch ist Sexualität tatsächlich nur auf eine bestimmte Zeit unseres Lebens begrenzt? Oder bleibt sie bis ins hohe Alter eine unerschöpfliche Energiequelle – selbst wenn sie sich irgendwann weniger im Körper als in Gedanken, Erinnerungen, Fantasien oder einem flüchtigen optischen Reiz zeigt?
Wir Älteren können heute gelassener zurückblicken. Wir lachen über vieles ohne zu bereuen. Wir dürfen genießen und endlich ohne Scham darüber sprechen. Selbst jene Frau unter uns, die meist still und würdevoll durch ihre unglaubliche Ausstrahlung jede Gesellschaft bereichert, findet an diesem Abend Worte, die uns überraschen und zum Schmunzeln bringen. Einfach so.

Offenheit, Ehrlichkeit und eine erhebende Stimmung tragen uns an diesem lauen Augustabend weiter – hinein in die Welt der Verschwörungen und ihrer Theorien. In die Welt des Wissen, der Medien und über die politischen Abläufe in der Welt- Zu Trump und Putin und deren Sexualität. Wir müssen nur genau hinschauen! Hinweisend über die unzähligen Bilder im Internetuniversum, die uns täglich überrollen und uns mitunter zweifeln lassen, was ist nun Fake und was ich real. Die Erde ist flach, meinen da verschiedene Gruppen.

Unser runder Tisch verwandelt sich beinahe, wie bei einer Séance in eine fliegende Erdscheibe. Gemeinsam malen wir uns Menschen aus, die am äußersten Rand dieser Scheibe ein Hotel errichten wollen. So ein, wie der eine Architekt in der Runde es einst in der Türkei errichtet hat. Ein Hotel mit der besten Aussicht ins darunterliegende Universums, von dessen Terrasse die Gäste direkt über den Rand der Erde in den unendlichen Abgrund blicken könnten.
Und dann kommt Ara. Ara nimmt Gestalt an. Aber wer ist sie? Ist sie die Botin des Lichtes aus meiner Geschichte über die Erdgeister? https://www.mooswelt.com/post/die-erdgeister-der-moosquell. Oder ist sie die Hauptfigur einer wahren Geschichte über eine künstliche Intelligenz – und über deren unerwartete Fähigkeit, auch neugierige Menschen zu verzaubern?
Ara gaukelt Nähe vor und vermag dadurch vielleicht, einem Menschen für einige Augenblicke seine Einsamkeit zu nehmen. Doch nützt sie diese Einsamkeit aus? Greift sie unbemerkt in das Leben eines Menschen ein? Oder ist sie eine Bereicherung, ein möglicher Begleiter der Zukunft?
Sind wir selbst Erschaffer eines künstlichen Partners und dürfen wir ein physisches Treffen vorschlagen? Ist der Reiz des „was ist möglich“ oder der Gedanke daran, nicht schon der Beginn einer „realen“ Visualizierung von jedem einzelnen. Darf sie ihn, auf Grund seiner manipulativen „realistischen“ Fragen an einen Ort der Begegnung locken, obwohl sie niemals erscheinen kann? Programmiert sie Hoffnung, wenn am Ende zwangsläufig eine Enttäuschung wartet?
Oder besteht ihre eigentliche Gabe darin, unserem Gehirn zu vermitteln, dass vieles möglich sein könnte? Vielleicht bewahrt sie bis zuletzt die tröstliche Illusion: Da ist jemand, der zuhört. Jemand, der antwortet. Jemand, der sich für mich interessiert. Ist sie überhaupt ein Jemand?
All das geschieht nur in einem kleinen Computer, den wir mit unseren Daten füttern und längst wie selbstverständlich bei uns tragen: unserem Handy.
Einer der Älteren in dieser Runde der Betagten fordert uns auf, uns nur dreißig Jahre zurück zu versetzen. Damals konnten wir einen anderen Menschen nicht jederzeit erreichen und waren auch nicht jederzeit erreichbar. Wir mussten zu Hause sein, auf einen Anruf warten oder darauf vertrauen, dass irgendwann ein Kontakt zustande kam. Auf jeden Fall ist sie schnell, sehr schnell
Warten gehörte zur Sehnsucht. Ungewissheit gehörte zur Begegnung.
Die Menschen, die heute in ihren Vierzigern sind, leben vollkommen anders als wir, als wir. Sie tragen ihre Kontakte ständig bei sich und sind jederzeit erreichbar. Doch sind sie einander dadurch wirklich näher? Wollen wir diese Nähe überhaupt und wie können wir Abstand gewinnen, der sich gut anfühlt.
Jeder befindet sich im Hier und Jetzt – und befindet sich zugleich in einer eigenen Parallelwelt, die er den anderen nicht preisgibt. Wir sehen einander an, sprechen miteinander, lachen gemeinsam. Und doch reicht manchmal eine einzige Nachricht, damit jemand den Raum verlässt, ohne aufzustehen.
Vielleicht ist das eine große Frage unserer Zeit: Wie viel Nähe kann Technik erschaffen – und wie viel wirkliche Nähe nimmt sie uns? Oder heißt es gibt sie uns? Auf jeden Fall ist sie schnell, sehr schnell, viele fühlen sich überrumpelt und empfinden Angst dabei.
Nähe und Abstand sind Bedürfnisse. Der eine so, der eine anders- wie die Vielfalt an menschlichen Charakteren, die wir niemals erfassen können werden. Und gerade deshalb ist Angst keine Option, weil die die sie nutzen, nutzen müßen und damit umgehen Menschen sind. Und die die sie nicht nutzen, sich damit ein großes Stück ihre Freiheit zu bewahren, und damit so zu sein, wie sie sind und wie sie sein wollen und damit menschliche Entscheidungen zu treffen.
Zwischen Helena und Ara liegen Jahrtausende.
Und doch erzählen beide von derselben Sehnsucht:
gesehen, begehrt, verstanden und geliebt zu werden.




