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EIN TRAURIGES KAPITEL

Und nun kommt noch ein trauriges Kapitel, in dem Deine liebe Mutter eine besonders bewunderungswürdige Rolle spielt.

Mein Vater, der infolge des Krieges überarbeitet war, er hatte keinen Urlaub und mußte auch am Sonntag bis spät in die Nacht arbeiten, bekam plötzlich andauerndes Fieber und mußte zur Beobachtung ins Krankenhaus der Wiener Kaufmannschaft hinter dem Türkenschanzpark.


Gleichzeitig bekam meine Mutter Rippenfellentzündung, ich hatte Schule undwer betreute meinen armen Vater? Meine liebe, gute Tante Valerie!!! Und als mein Vater im Sommer plötzlich an Herzversagen starb, wir waren ihm ins Kamptal vorausgefahren, wohin er laut ärztlichem Gutachten bald nachkommen sollte, war es wieder Tante Valerie, die sich noch um alles kümmerte. Sie fuhr mit meiner noch immer geschwächten Mutter und mit Vally und mit mir sofort nach Wien. Der achtjährige Holdi, dem wir Papas Tod vorläufig noch verheimlichten, blieb mit unserer Großmutter in Stallegg. Tante Valerie erlaubte uns nicht, unsere nun so verlassene Wohnung in der Grünentorgasse zu betreten, sondern nahm uns gastlich in ihrem heim in der Anastasius Grüngasse auf. Onkel Wolf nahm uns in Empfang. Karl war an der Front, es war ja das Jahr 1917. Um die Begräbnis- Formalitäten kümmerte sich Papas bruder. Aber Tante Valerie ging gleich mit mir in die Alserstrasse ein schwarzes Kleid kaufen und gestattete nicht daß Mama am Begräbnis teilnahm. Sie war viel zu schwach dazu und mußte in Tante Valeries Bett liegen bleiben. Vally und ich fuhren in einem Fiaker mit ihren Eltern zum Zentralfriedhof.

Ohne den Schutz und die Fürsorge Deiner lieben Mutter hätte ich bestimmt die feierliche Zeremonie des Begräbnisses nicht so gut überstanden. Ich hatte meinen Vater sehr geliebt und war seine vertraute Freundin gewesen. Du siehst, liebe Liesl, was mir Deine Mutter bedeutet hat!

Zum Weihnachtsfest dieses für mich so schicksalsschweren Jahres schenkte die mir einen schönen Pepita-Seidenstoff für ein Kleid (1917!!!) mit den Worten:"Es soll für Dich ein kleiner Trost sein!"


Das traurige Ende Deiner lieben Mutter hast Du ja selbst erlebt, davon brauche ich Dir nichts zu erzählen! An ihrem Grabe stand ich an der Seite Karls, dem sie alles bedeutet hatte. Wir gingen zu Fuß von ihrem Grab bis in die Anastasius Grüngasse und sprachen über Deine liebe Mutter. Es war unser letztes herzliches Freundschaftsgespräch. Dann trennten sich unsere Wege.

Am Friedhof in Nussdorf

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