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INSTINKT • RITUAL • ADHS

  • 2. Aug.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 10. Aug.


Die Sophie lieb ich. Sie war da – mit ihrem fünf Monate alten Welpen. Paris Hilti, eine kleine Windhunddame, die Felix Herz eroberte. Vorsichtig näherten sich die beiden einander, beschnupperten sich und tasteten sich langsam heran. Mit dem Charme einer kleinen Dame forderte sie ihn schließlich zum Spielen auf. Felix, sonst eher zurückhaltend, ließ sich bereitwillig darauf ein. Später, als der Garten bereits im Dunkeln lag, verriet nur noch das leuchtende Halsband ihren Weg. Wie ein kleiner schwebender Lichtpunkt zog Paris durch die Nacht und ließ den Garten beinahe märchenhaft erscheinen. In der Nacht versuchte er beharrlich, sie auf seine Seite des Zauns zu locken.

Eierbecher dienten an diesem Abend als Wodkagläser und beflügelten die Gespräche. Man erzählte von Burgen und den Menschen, die Schlösser sammeln oder erhalten – viele davon in Kärnten. Von einer Kindheit auf einem Schloss, umgeben von weitläufigen Gärten, uralten Bäumen und Mauern voller Geschichten.



Eindrucksvolle Erinnerungen an Kälte im Winter. Damals bildeten sich an der Innenseite der Fenster kunstvolle Eisblumen. Die feuchte Erde unter dem alten Gemäuer und die eisige Kälte krochen nach oben bis zu den Glasscheiben und ließen filigrane Muster entstehen, die aussahen, als würden sie direkt aus dem Boden bis hinauf zu den Fensterscheiben wachsen. Für ein Kind waren sie keine Folge einfacher Physik, sondern kleine Wunderwerke der Natur, die jeden Morgen neue Bilder malten.

Auch damals gab es mutige und starke Väter, die ihren Kindern die Realität des Lebens noch auf einfache und ehrliche Weise vor Augen führten. Ohne einen Gedanke, was da emotional passieren könnte. Nicht aus Angst, ein Kind könnte den Anblick des Lebens  und Tod nicht verkraften, sondern aus der Überzeugung heraus, dass es überall etwas zu entdecken gibt. Und daß das Erlebnis zum Leben dazu gehört, wie der Tod.

„Geh und grab den Pferdekopf aus, den ich vor zehn Jahren dort drüben vergraben habe.“



Das blonde, langbeinige Mädchen tat es, ohne nach dem Warum zu fragen. Heute schmückt dieser Pferdekopf die Ordination einer Psychiaterin. Geschichten wie diese bleiben. Sie verbinden Vergangenheit mit Gegenwart und machen neugierig auf das Leben anderer Menschen.

Ich mag Sophie und ihre Erzählungen. Besonders jene über die Biennale, die vielen bis zum gestrigen Abend vermutlich fern und unnahbar erschien. Nicht Neugier allein, sondern ehrliches Interesse entlockte ihr wunderbare Beschreibungen über die Abläufe und Eigenheiten der österreichischen Kulturszene. Sie erzählte von Lulu, von Pisse und überhaupt von der ganzen Scheiße, die wir manchmal Kunst nennen – oder zumindest dafür halten. Österreichische Beiträge zur Biennale, Performances in Italien, Grenzgänge zwischen Provokation, Aussage und Inszenierung.

Plötzlich entstehen Bilder vor unserem inneren Auge. Obwohl wir täglich von Fotos und Videos in den sozialen Medien überflutet werden, sind es oft die erzählten Bilder, die uns am stärksten berühren. Worte erschaffen Räume, die kein Bildschirm ersetzen kann.

Florentina Holzinger, österreichische Choreografin, Regisseurin und Performancekünstlerin, gestaltete 2026 den österreichischen Pavillon der Biennale. Ihre Arbeiten verbinden Tanz, Theater, Oper, Akrobatik, Stuntkunst und Unterhaltung zu einer Form von Kunst, die fasziniert, irritiert und Diskussionen auslöst.

Und dann taucht Erwin Wurm auf. Nicht persönlich- klar, aber trotzdem. Ein Künstler, der es immer wieder schafft, dort präsent zu sein, wo sich Verbindungen ergeben. Ob Bewunderer, Kritiker, Freunde oder zufällige Beobachter – er hinterlässt Fragen. Nicht weil wir ihn persönlich kennen, sondern weil seine Präsenz immer wieder neue Gedankenräume öffnet. Das finde ich erstaunlich.

Ebenso lebendig werden an diesem Abend die Geschichten über den historischen Hintergrund der Fuchsjagd mit Hunden. Vor meinem inneren Auge erscheinen Reiter in traditioneller Jagdbekleidung, elegante Pferde, prachtvolle Kutschen und Hunderudel mit bis zu 50 heulenden Jagdhunden. Für einen Moment scheint die Vergangenheit wieder gegenwärtig zu werden. Geschichte besteht dann nicht mehr aus Jahreszahlen, sondern aus Bildern, Geräuschen und Menschen, die ihre Zeit geprägt haben.

Vielleicht ist genau das die Kraft des Erzählens: Es lässt Welten entstehen, die wir nie selbst erlebt haben, die uns aber dennoch vertraut erscheinen. Es verbindet Tatsachen mit Fantasie, Erinnerung mit Gegenwart und macht Kultur erst wirklich lebendig.


Foto von Lincoln Holley auf Unsplash
Foto von Lincoln Holley auf Unsplash

Zwischen Instinkt, Ritual und Menschlichkeit

Die Interaktionen von Hunden – im Rudel oder allein – zeigen uns, wie Tiere ihren Instinkten folgen. Vielleicht können wir von ihnen lernen, wie sich weibliche und männliche Energien auf natürliche Weise ergänzen und ausgleichen, um ein Rudel gesund und stabil zu halten.

Manche Menschen suchen diesen Ausgleich auf andere Weise – etwa bei Kakao-Zeremonien. Oft sind sie mit fast geheimnisvollen Ritualen verbunden und von dem festen Glauben getragen, etwas Gutes weiterzugeben. Mitunter wirken diese Zusammenkünfte auf einer Waldlichtung sympathisch und einladend. Tanzend, beinahe schwebend durch den Nebel einer selbst erschaffenen Illusion, bewegen sich ein Mann und eine Frau auf die geduldig oder vielleicht schon ungeduldig wartenden Teilnehmer zu. In ihren Händen ein mit Kakao gefüllter Pokal – und in den Herzen vieler die neugierige Sehnsucht nach einem besonderen Erlebnis, nach einem kleinen Kick, nach einer Erkenntnis.

Wer erkennt darin nicht ein wenig Sophie aus dem Auenland oder Legolas, den Elben? Geschichten erschaffen Bilder, und Bilder berühren unsere Sehnsucht.

Leben wir nicht alle gerne in einer Welt, in der sich Geschichten und Tatsachen, Übertreibungen und scheinbare Nichtigkeiten miteinander verweben? Sie begegnen uns jeden Tag – ob wir wollen oder nicht. Wir tauchen ein in die Fantasiewelt eines anderen oder in die Gedanken jener Menschen, denen wir zufällig begegnen, die unseren Weg kreuzen oder ihn ein Stück mit uns gemeinsam gehen.

Öffnen wir unsere Gedanken für eine andere Ebene. Suchen wir nicht zuerst nach dem Ungewöhnlichen, sondern nach dem Besonderen in jedem einzelnen Menschen. Vielleicht ist es derjenige, der heute eine ADHS-Diagnose trägt und stundenlang Steine im Fluss ordnet, damit andere beim Betreten des kühlen Wassers einen ebenen Untergrund unter ihren Fußsohlen spüren. Für manche mag das sinnlos erscheinen. Für ihn selbst ist es vielleicht Ordnung, Hingabe oder Fürsorge.



Wie wunderbar wäre es, solche Menschen wirklich zu sehen. Unsere Gesellschaft würde gewinnen, wenn wir die Einzigartigkeit jedes Menschen anerkennen – nicht trotz seiner Besonderheiten, sondern gerade wegen ihnen. Jeder bringt eine eigene Art des Denkens, Fühlens und Handelns mit. Oft erkennen wir den Sinn eines Tuns erst viel später oder vielleicht nie. Das macht ihn jedoch nicht weniger wertvoll.

Vielleicht besteht wahre Menschlichkeit darin, nicht vorschnell zu urteilen, sondern mit Neugier zu beobachten – so wie wir Tiere beobachten. Denn auch wir sind Teil der Natur, mit all unseren Instinkten, Sehnsüchten, Eigenheiten und Geschichten.


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