HERUMBURGELN • WIE MAN EINEN SCHATZ FINDET
- 23. Juli
- 8 Min. Lesezeit
Meine Tage auf der Hollenburg
Die Hollenburg ist ein wunderbarer Ort – ein Ort, an dem man altes Gemäuer, Geschichte und vergangene Zeiten genießen kann.
Vor meinem inneren Auge fahren Kutschen über die rumpelige Steinauffahrt und gelangen in den verträumten Innenhof. In der Auffahrt befindet sich der Fuhrpark mit historische Kutschen, umgeben von den alten Mauern der Burg. Eine Galerie mit einem Gang im ersten Stock verbindet die Gebäude miteinander. Versteckte, manchmal vergitterte Fenster geben den Blick auf ein beeindruckendes Panorama frei:

Die Karawanken, die Drau und die historischen Stallgebäude, die heute Pferde und ihre Besitzer beherbergen. Wald und Wiesen umrahmen diesen besonderen Ort und verleihen ihm eine fast märchenhafte Atmosphäre.

Ich fühle mich in diesen alten Gemäuern geborgen. Gleichzeitig hoffe ich, Ingeborg die Unterstützung geben zu können, die sie braucht. Gemeinsam arbeiten wir in alten Küchen und Räumen, die in den nächsten Tagen für ihre ersten Hochzeitsgäste vorbereitet werden. Es könnte der Beginn einer der interessantesten Eventlocations werden.
Heute dreht sich alles um Kästen und alte Schränke in wirklich großen Dimensionen.
Unzählige antike Schränke warten darauf, ihren Platz zu finden: riesengroß und schwer, breit oder hoch, schlicht oder kunstvoll verspielt, bemalt oder aufwendig verziert. Für jedes Möbelstück wird der passende Standort in den vielen Zimmern gesucht. Unsere Vorstellungskraft ist gefordert, und wir merken schnell, wie anstrengend diese Aufgabe ist. Jede Entscheidung braucht Zeit, weil jeder Schrank den Charakter eines Raumes verändert. Vielleicht ist die heutige Lösung noch nicht die endgültige – doch sie ist ein weiterer Schritt.
Es wird wohl noch einige Kraftakte der fleißigen Mitarbeiter und kräftigen Männer brauchen, bis jedes Möbelstück seinen endgültigen Platz gefunden hat. Auch Stühle und Tische für die Gäste müssen untergebracht werden. Gläser, Geschirr und all die vielen kleinen Dinge, die eine Hochzeit erst möglich machen, warten darauf, ihren vorübergehenden Platz zu finden. Langsam erwachen die alten Räume wieder zum Leben.
Ingeborg und ich sind wieder am „Weiterborgeln“ – oder vielleicht eher am „Burgeln“, je nachdem, was gerade ansteht.
herumburgeln (Verb)©
Aussprach e: he-rum-bur-geln
Wortherkunft (Neologismus): Entstanden auf der Hollenburg aus einer spontanen Wortschöpfung. Der Eigenname Ingeborg wurde liebevoll zu Ingeburg, weil sie untrennbar mit der Burg verbunden scheint. Aus dem österreichischen Ausdruck herumwurschteln – mit Freude, Kreativität und Improvisation Dinge anpacken – entwickelte sich schließlich das Verb herumburgeln©.
Bedeutung:
Gemeinsam mit Freude, Kreativität und einer gewissen Gelassenheit auf einer Burg arbeiten, gestalten, organisieren und improvisieren.
Historische Räume mit Leben erfüllen, ohne sich von Perfektion leiten zu lassen.
Mit offenen Augen entdecken, anpacken und dabei die Geschichte eines Ortes weiterschreiben.
Beispiele:
„Heute werden wir wieder ein bisschen herumburgeln.“
„Den ganzen Nachmittag haben Ingeburg und ich auf der Hollenburg herumgeburgelt.“
„Beim Herumburgeln entstehen meist die besten Ideen.“
Anmerkung:
Herumburgeln ist mehr als Arbeit. Es beschreibt einen Zustand zwischen Begeisterung, Entdeckerfreude, Kreativität und dem liebevollen Erhalten historischer Orte. Wer herumburgelt, arbeitet nicht einfach – er lässt Geschichte lebendig werden.
Ich glaube, das Wort passt deshalb so gut, weil es etwas beschreibt, das es vorher gar nicht gab. Es ist kein gewöhnliches „Herumwurschteln“. Es ist das gemeinsame, oft spontane Tun auf der Hollenburg, bei dem aus Ideen, Gesprächen und kleinen Handgriffen nach und nach etwas Schönes entsteht. Genau dafür kann ein neues Wort entstehen – und vielleicht findet „herumburgeln“ ja tatsächlich seinen Weg in den Sprachgebrauch. Vielleicht sollten wir das Wort im österreichischen Patentamt anmelden - dort hab ich einen Kontakt. Aber bringt das was?
DER NÄCHSTE TAG
Heute widmen wir uns der Gestaltung eines historischen Raumes mit einer imposanten Rauchküche, wie ich zumindest vermute. Irgendwie habe ich vergessen nachzufragen, wie dieser Raum tatsächlich genannt wird. Doch die tiefschwarz gefärbten Wände und die Decke, die vom jahrhundertelangen Rauch gezeichnet sind, sowie der hohe, offene Aufbau über der antik gemauerten Feuerstelle lassen mich vermuten, dass es sich um eine historische Rauchküche handelt. Vielleicht ist es auch ein großer Kaminraum – Vor mir steht der alte gemauerte Küchenherd – das Herzstück der historischen Rauchküche. Die tiefschwarz verrußten Wände erzählen von Jahrhunderten, in denen hier täglich Feuer brannte, gekocht, gebacken und gearbeitet wurde. Jeder Zentimeter der dunklen Decke zeugt davon, wie der Rauch einst langsam nach oben zog und den Raum über Generationen prägte. Man spürt förmlich, dass dieser Ort nicht nur eine Küche war, sondern der Mittelpunkt des damaligen Lebens auf der Burg.
Bis dahin genieße ich einfach das Gefühl, an einem Ort zu stehen, an dem über Jahrhunderte gekocht, gearbeitet und gelebt wurde. Jeder Stein erzählt seine eigene Geschichte. Und ich mach mich ans Burgeln.

Nebenbei erzählt mir Ingeborg über jedes Bild und ich trete in die Geschichte der Burg und den Menschen, die sich hier wohlfühlen ein bisschen mehr ein.
Dort war der jahrzehntelange Treffpunkt für die Sängergruppe der Hollenburg. Die Sängerrunde Hollenburg ist ein traditionsreicher Kärntner Chor aus der Gemeinde Köttmannsdorf. Sie ist bekannt für bodenständige Kärntner Chormusik, Volkslieder und Auftritte bei regionalen Veranstaltungen, Festen und Jubiläen im Raum Kärnten und darüber hinaus. Der Chor bereicherte regelmäßig das kulturelle Leben der Region und ist ein fester Bestandteil des Veranstaltungsprogramms des Kärntner Sängerbundes. Auch die Hollenburg selbst – genauer gesagt der Burghof in Köttmannsdorf – dient immer wieder als malerische Kulisse für Konzerte und Veranstaltungen anderer regionaler Chöre, wie etwa des Singkreises Köttmannsdorf.
Gemeinsam durchforsteten wir die Dekorationsgegenstände: Bierkrüge und kunstvoll bemalte Teller, Urkunden und Pokale, vergilbte Fotografien sowie einen alten Notenschrank, den vier kräftige Männer nur mit großer Mühe verrücken konnten, damit er seinen neuen Platz erhielt. Nach unserem gemeinsamen Gespür und einigen gedanklichen Verwirrungen, wie man was berechnet arrangierten wir zu zweit die ausgesuchten, historischen Bilder und Auszeichnungen an den Wänden, ließen zwei Kästen woandershin bringen und dafür einen wunderschönen antiken Bauernschrank in das Zimmer bringen. Mit jedem einzelnen Stück schien der Raum ein wenig mehr von seiner Geschichte preiszugeben.
Für einen Flohmarkt bereiteten wir einen Tisch vor und platzierten Gegenstände, wie Teller, Bilder Vasen und Stehrümchen für die Hochzeitsgäste des Tages an. In den geschmackvoll neu errichteten Toilettenanlagen fand schließlich ein historisches Tischchen seinen Platz.

Es wurde in jenem sanften Salbeigrün gestrichen – jener Farbe, die uns auf der Burg immer wieder an Türen, Fensterläden und Wänden begegnete und sich wie ein unaufdringlicher grüner Faden durch das gesamte Anwesen zieht.
Wer Farben liebt, wird auch dieses Grün schätzen. Ein kurzer Blick auf seine Wirkung zeigt, warum es so harmonisch in die Atmosphäre der Hollenburg passt:
Schweinfurter Grün / Scheeles Grün: Das berühmteste und leuchtendste Hellgrün des 19. Jahrhunderts. Es wurde wegen seines Arsen-Gehalts auch "Giftgrün" genannt und ist heute verboten.
Maigrün: Ein klassischer, sehr frischer und heller frühlingshafter Grünton.
Mintgrün: Das typische, pastellige Hellgrün, das besonders in den 1950er Jahren im Wohndesign extrem populär war.
Lindgrün: Ein sehr weicher, heller und leicht gelblicher Grünton, der oft in historischen Interieurs verwendet wurde.
Otto Wagner Grün: Ein charakteristisches, blasses bis mittelhelles Grün, das besonders durch den Jugendstil in Wien (bekannt von den historischen U-Bahn-Stationen) berühmt wurde.
Später verbrachten wir einen wunderbaren Nachmittag und Abend am Südufer des Wörthersees.

Nach einem Besuch bei Ruth und Walter, aus meiner Familie, in der historischen Villa Miralago am Seecorso in Velden wurden wir herzlich empfangen und genossen bei Kaffee und Kuchen im dritten Stock einen fantastischen Ausblick über den Wörthersee. Anschließend konnten wir die warme Nachmittagssonne dieses frühen Sommerabends genießen, bevor wir direkt am Ufer, in unmittelbarer Nähe des Golfclubs in Dellach, zum Abendessen Platz nahmen. Unsere Gespräche drehten sich um Geschichten vom Wörthersee – über die vielen prominenten Persönlichkeiten und die Hintergründe, die das Leben in dieser Region seit Jahrzehnten prägen. Immer wieder schweiften wir auch zu den Fortschritten meines Projekts „Peilsteiner Moosquelle“ in Niederösterreich ab. Gemeinsam entwickelten wir neue Ideen und Möglichkeiten, wie wir sowohl die Geschichte als auch die Entstehung und zukünftige Vermarktung dieses einzigartigen Luxuswassers noch besser erzählen und begleiten können.
Am nächsten Tag dann war es so weit. Der Aufbau für die erste Hochzeit in der Hollenburg hat begonnen.

Wir schnitten die Rosen zurück und der wilde Wein wurde gestutzt. Frischer Kies wurde ausgebracht und verteilt, der alte Brunnen erhielt neue Holzbretter und eine passende Einfassung. Mit jedem Handgriff gewann der Innenhof ein Stück seiner ursprünglichen Ausstrahlung zurück.
Weniger willkommen waren die tausenden Wespen, die ihre Nester an den sonnengewärmten Mauern, über den Türen und unter dem hölzernen Balkon gebaut hatten. Um sie möglichst schonend zum Umziehen zu bewegen, bastelten wir kurzerhand aus Packpapier einige Hornissennester, also eigentlich Attrappen. Da Wespen Hornissen als natürliche Feinde meiden, hofften wir, dass sie sich einen ruhigeren Ort für ihr Zuhause suchen würden.

Ein Hornissennest vertreibt Wespen, weil Hornissen Wespen jagen und als Nahrungsquelle für ihre Larven nutzen. Die Anwesenheit eines Hornissenvolkes erzeugt Stress für Wespen, weshalb diese instinktiv den Jagdbereich der Hornissen meiden und sich in sicherer Entfernung ein neues Revier suchen.
So wechselten sich an diesem Tag Gartenarbeit, handwerkliche Aufgaben und ein wenig Improvisation ab – genau das machte den besonderen Charme unserer Tage auf der Hollenburg aus.
Scheinwerfer und eine dezente Beleuchtung wurden angebracht und verliehen dem Innenhof eine zauberhafte Nachtstimmung. Das warme Licht ließ die alten Mauern lebendig wirken, betonte ihre jahrhundertealte Struktur und tauchte den Burghof in eine Atmosphäre, die zugleich festlich, romantisch und zeitlos erschien.
Ein Team von Helferinnen und Helfern, das am Samstag eine Hochzeit feiern wollte, traf ein. Trotz der hochsommerlichen Temperaturen brachten sie Stück für Stück alles herbei, was für das Fest benötigt wurde. Ein Zelt wurde aufgebaut, Tische und Stühle aus den Kellergewölben der Burg an ihren vorgesehenen Platz getragen und mit jeder Stunde verwandelte sich der Burghof mehr und mehr in eine festliche Kulisse.
Ein kurzes Zusammentreffen zwischen der Theatergruppe und dem Hochzeitsverantwortlichen erforderte eine schnelle Entscheidung. Meine liebe Ingeborg meisterte diese Situation souverän, diplomatisch und mit einer bewundernswerten Ruhe. Es war beeindruckend zu beobachten, wie sie den Überblick behielt und für alle Beteiligten eine gute Lösung fand.
Auf der Galerie wurden die Stühle für die Trauung aufgestellt, während man im Burghof nach dem idealen Platz für die Bühne der Band suchte. Wenig später erklangen die ersten Bässe aus den Lautsprechern und begleiteten uns bis tief in die Nacht. Die dumpfen Klänge wanderten durch die meterdicken Mauern und schienen bis in den letzten Winkel der Burg vorzudringen.
Ich fragte mich, wie sich das wohl in der Nacht anfühlen würde. Mein Schlafzimmer lag zum Glück weit genug entfernt, sodass sich das tiefe Brummen nur noch leise bis zu meinen Ohren schlich. Ich konnte schließlich einschlafen.
Bei Ingeborg war das anders. Nicht nur die Musik hielt sie wach. Viel stärker beschäftigte sie der Gedanke, ob am nächsten Tag alles gelingen würde. Würde das Wetter mitspielen? Würde die Organisation funktionieren? Würden sich Braut und Bräutigam sowie ihre Gäste wohlfühlen?
Am Ende waren alle Sorgen unbegründet. Alles verlief wunderbar, und als Braut und Bräutigam laut und deutlich ihr „Ja“ zueinander sagten, war die Anspannung der vergangenen Stunden verflogen. Für einen kurzen Moment schien die alte Burg mit ihnen gemeinsam aufzuatmen.

Am nächsten Tag zeigte sich die Burg still, geduldig und wie frisch geduscht. Es hatte geregnet, als wollte der Himmel die Spuren des Festes sanft fortspülen. Fast jeder kennt diesen unverwechselbaren Duft: feuchte, von der Sonne erwärmte Steine, langsam trocknendes Holz, ein Hauch von verschüttetem Bier und nassen Tischtüchern. Ein Geruch, der vom vergangenen Abend erzählt und gleichzeitig einen neuen Tag beginnen lässt.
Wir packten unsere Koffer, während Ingeborg wie immer ein letztes Mal alles kontrollierte. Sie verschloss die Türen, warf noch einen prüfenden Blick auf jedes Fenster und vergewisserte sich, dass die Burg wieder sicher und bereit für ihre nächste Geschichte war.
Mit einer Lederhose für ihren Sohn im Gepäck machten wir uns auf den Heimweg.
In meinem Koffer befand sich ein Karton mit den liebevoll geteilten Lebensmitteln, herrliche Kärntner Würste und eine Vase vom Flohmarkt, die farblich perfekt in unser Zuhause passt.
So verließen wir die Hollenburg – ein wenig müde, voller neuer Eindrücke und mit dem Gefühl, ein paar Tage lang Teil ihrer Geschichte gewesen zu sein.
Denn manchmal findet man einen Schatz genau dann, wenn man ihn am wenigsten erwartet. Davon erzähle ich in einer der nächsten Folgen.
Genauso erwarten euch spannende Geschichten über historische Kutschen und den Pferdestall, über Sattelkammern und Haflinger, über geheimnisvolle Kellergewölbe und verborgene Gefängnisse. Es geht um den Rosengarten und sogenannte Römersteine, um ein verheerendes Erdbeben, am 25 Jänner 1348. Es ist als das Friauler Erdbeben bekannt und zählt zu den stärksten jemals im Alpenraum dokumentierten Erdbeben und einen verheerenden Brand, um die jahrhundertelange Geschichte von Kaisern und Herrschern – und um den skurrilen Kaiser Maximilian I., den mir Ingeborg an einem Nachmittag auf ihre ganz besondere Art vorstellte. Und über alte Teppiche in der Tiefkühltruhe und was wirklich dahintersteckt.
Ich werde erzählen von Jagd und Fischerei, von Brücken über die aufgestaute Drau, den Ferlacher Stausee, von einer ungewöhnlichen Art der biologischen Müllentsorgung im Mittelalter mithilfe eines Söllers und von einer liebevollen Inschrift auf einer römischen Steintafel, die mich besonders erstaunt hat......













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