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MITTELPUNKT DES LITERARISCHEN KREISES

KAPITEL 1. 1906. Aus einem Brief an Liesl von Hilde.

Da ich außer Dir, liebe Liesl, die einzige noch lebende Person bin, die Valerie ( Hauser, verwitwete Heidt, später Valerie Madjera) gekannt und geliebt hat, will ich versuchen, meine Erinnerungen an diese wunderbare Frau für Dich aufzuschreiben.

Dein Vater Dr. Wolfgang Madjera, kannte meine Mutter schon, als er noch mit seiner ersten Frau Laura verheiratet war. Meine Mutter Christinewar noch unvermählt und als Wirtstochter im Gasthof zum "Goldenen Stern" in der Vorderbrühl der Mittelpunkt des literarischen Kreises der damaligen Zeit. Arthur Schnitzler, Hugo von Hoffmannsthal, Paul Wilhelm, Hermann Bahr, zählten zu ihren Bewunderern und Dein Vater kam mit seiner Frau Laura auch gerne in die Vorderbrühl zu Christine und zählte bald zu ihren Verehrern.


Hermann Bahr • Arthur Schnitzler • Hugo von Hoffmannsthal

Aber die Zeit stand nicht still. Christine heiratete, Deines Vaters erste Frau Laura starb und er heiratete bald zum zweiten Mal Valerie, die Tochter des reichen Steinmetzes Hauser.

Sie war Witwe nach Dr. Karl Maria Heidt und brachte zwei Kinder, Karl und Vally, mit in die Ehe.



Dr. Karl Maria Heindt • Dr. Wolfgang Madjera

Die Verbindung der Familie Madjera zu meinen Eltern blieb lose aufrecht, beschränkte sich aber vorerst auf einige gegenseitige Besuche während des Jahres.

Und nun beginnt meine älteste Erinnerung an deine liebe Mutter. Es war im Vorfrühling des jahres 1908. Tante Valerie, so durfte ich Deine liebe Mutter nennen, war bei uns zu Besuch. Sie saß mit meiner Mutter im Speisezimmer am großen Tisch, sie tranken Tee, aßen belegte Brötchen und waren in eine angeregte Unterhaltung vertieft. Ich, ein neunjähriges Mädchen, lag im Nebenzimmer auf dem Teppich, scheinbar lesend, in wirklichkeit aber fasziniert der Unterhaltung lauschend. Gefiel mir doch Deine liebe Mutter ausnehmend! Sie war so schön und elegant, eine richtige Dame! Und was erlauschte ich da? Tante Valerie erwartete ihr fünftes Kind! Zwei Buben, Heini und Gottfried, hatte sie in ihrer neuen Ehe zu Karl und Vally noch dazubekommen! (Da meine Mutter, als ich 6 Jahre alt war, bei einer Frühgeburt einen Sohn verloren hatte, war ich völlig aufgeklärt und verstand jedes Wort.) Große Freude bei den Damen! Ich konnte leider nur in Gedanken an den Glückwünschen meiner Mutter teilnehmen. Aber Du siehst, ich wußte schon vor Deiner Geburt von Deiner Existenz! Nun stand auf unserer altdeutschen Kredenz eine schöne Sachertorte, die mir schon lange ins Auge stach. leider vergaß meine Mutter, sie anzubieten! Sollte ich sie nicht darauf aufmerksam machen? Aber wie? Da löste Tante Valerie das Problem:

"Sag`, Christine, steht die schöne Torte nur zum Anschauen dort?" fragte sie lachend. "Um Gottes Willen", rief meine Mutter ganz erschrocken und holte die Torte, " auf die hab ich ganz vergessen! entschuldige, bitte!" Und die gute Tante Valerie sorgte auch dafür, daß ich ein Stück von der begehrten Köstlichkeit erhielt.

Meine zweite Erinnerung:

Sommer 1909 Stallegg.


An einem heißen Sommertag steht plötzlich gegen Mittag Tante Valerie vor unserer Tür, an der Hand die kleine Vally. Wieso weiß ich nicht mehr . Große Freude! Zum Glück hatte meine Mutter von einer Freundin, die eine Jagd besaß, Rebhhühner geschickt bekommen! Unser Mädchen konnte für uns also ein Festmahl bereiten. Damals hatte ich bereits einen kleinen Bruder. Er hieß Holdi, lag im Kinderwagerl, war erst ein paar Wochen alt und völlig uninteressant. Nach dem Essen spielte ich mit Vally, und die Mütter hatten sich, wie immer viel zu erzählen. Da sagte Tante Valerie: "Christine, es ist so ein schöner Tag. könnte ich nicht schwimmen gehen, der Kamp soll ja so warm sein?" Natürlich kannst Du, ich borge dir mein Schwimmkleid und Hilde hat zwei Hosen, die kann Vally eine borgen. Ich schaue euch lieber nur zu." Gesagt, getan. Wir gingen zum Kamp, wo eine kleine Badehütte stand. Tante Valerie zog Mamas lächerliches Badekostüm an, es war, der damaligen Mode entsprechend ein kompletter Anzug, für heutige Begriffe undenkbar!



Ich hatte zwei wunderschöne rote Badehosen und wollte Vally eine davon geben, meine hatte ich ja rasch an, aber zu meinem grenzenlosen Erstaunen weigerte sich Vally, "nur" mit einer Hose ohne Oberteil ins Wasser zu gehen, sie fand "unschicklich", was mir selbstverständlich schien. Nun sie besuchte eine Klosterschule! Sie tat mir so leid, daß ich es bis heute nicht vergessen habe.-Tante Valerie und ich gingen gleich ins Wasser und schwammen lustig umher. Sie war dabei genauso lustig anzusehen, wie meine Mutter, die schwamm auch wie ein Schwan! den Kopf und einen Teil der Brust ganz aus dem Wasser ragend, mit ganz regelmäßigen Tempi- ein einmaliger Anblick! Aber daß unsere Mütter schwimmen konnten, war für die damalige Zeit bemerkenswert! Was an diesem Tag weiter geschah, habe ich vergessen, aber ich denke gerne an diesen Tag zurück. Den nächsten Sommer verbrachten wir in Weyer, aber 1911 kehrten wir reuig nach Stallegg zurück. Und da begann die innige Freundschaft unserer Familien, als Tante Valerie mit Kind und Kegel vier Wochen in Rosenburg verbrachte und uns täglich besuchte. Kind und Kegel bestand aus Karl, Vally, Heini, Gottfried und der kleinen Liesl, die ein Jahr älter war als mein kleiner Bruder Reinhold.

Obwohl die Kinder von einem netten Kinderfräulein beaufsichtigt waren, verbreiteten Heini und Gottfried nur Schrecken!

Was sie alles angestellt haben.........Kapitel 2



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